Die Freiheit der Anderen als Geschäftsmodell
Prolog
Es klingt zunächst wie eine politische Groteske.
Ein Präsident spricht davon, Grönland kaufen zu wollen – eine Insel, ein Land, ein Territorium mit Geschichte, Bevölkerung und eigener politischer Ordnung. Die Reaktionen folgen zuverlässig. Spott. Kopfschütteln. Psychologisierung. Größenwahn, Provokation, kalkulierte Grenzüberschreitung. Ein weiterer Beleg für die Entgrenzung politischer Sprache, der sich gut einordnen lässt, weil er so offensichtlich absurd erscheint.
Gerade darin liegt jedoch die Beruhigung. Die Absurdität der Aussage lädt dazu ein, sie zu personalisieren. Sie macht es leicht, sie an der Figur festzumachen, die sie äußert, und sie als Episode abzulegen. Ein Mann, ein Satz, ein Skandal. Das Problem scheint überschaubar, weil es einen Namen trägt.
Doch genau diese Lesart greift zu kurz. Sie beruhigt dort, wo sie irritieren müsste. Denn sie behandelt eine strukturelle Bewegung wie die Marotte eines Einzelnen. Sie richtet den Blick auf Stil, Tonfall und Persönlichkeit – und verstellt ihn für den Ermöglichungsraum, in dem solche Sätze nicht nur gesagt, sondern verstanden, weitergedacht und investiv flankiert werden können.
Denn entscheidend ist nicht, dass so etwas ausgesprochen wird. Entscheidend ist, dass es anschlussfähig ist. Dass es Resonanz findet, strategisch aufgegriffen, kalkuliert und vorbereitet wird. Dass es nicht sofort als unzulässig markiert ist, sondern als Option im Raum steht. Das verweist nicht auf individuellen Größenwahn, sondern auf eine Ordnung, in der territoriale, ökologische und politische Zugriffe wieder als verhandelbar gelten.
In dieser Ordnung wird Freiheit neu codiert. Nicht mehr primär als gemeinsames Recht auf Selbstbestimmung, sondern als Ressource. Als Ermöglichung von Handlungsspielräumen für einige – während die Folgen dieses Handelns andere tragen. Freiheit erscheint nicht als politischer Raum, sondern als operative Bedingung von Zugriff.
Grönland ist in dieser Perspektive kein Ausrutscher. Es ist ein Symptom.
Ein besonders sichtbares, weil die Konstellation so offen zutage liegt. Doch die Logik, die sich hier zeigt, reicht weit über diesen Fall hinaus. Sie prägt politische Programme, wirtschaftliche Strategien und institutionelle Umbauten. Sie verändert, was als realistisch gilt – und was nicht mehr gesagt werden muss, um wirksam zu werden.
Wer Grönland als Spinnerei abtut, verkennt deshalb weniger den Vorschlag als die Struktur, aus der er hervorgeht. Und vielleicht beginnt genau hier die eigentliche Zumutung dieses Textes: den Blick zu lösen von der Figur – und ihn auf die Ordnung zu richten, die solche Figuren trägt.
Personalisierung als Entlastungsstrategie
Politische Empörung sucht sich gern Gesichter. Sie braucht Figuren, an denen sich Irritation festmachen lässt, weil Figuren handhabbar sind. Sie haben Namen, Eigenheiten, Biografien. Man kann sie karikieren, pathologisieren oder moralisch aburteilen. All das erzeugt Distanz – und zugleich eine merkwürdige Form von Beruhigung. Denn was personalisiert wird, scheint begrenzbar. Es bleibt an eine Person gebunden, an einen Charakter, an ein Amt auf Zeit.
Im Fall Grönlands funktioniert diese Dynamik besonders reibungslos. Die Vorstellung, ein Präsident könne eine Insel „kaufen“, wirkt so anachronistisch, dass sie nach psychologischer Deutung ruft. Größenwahn liegt nahe, Provokation ebenso, vielleicht auch kalkulierte Grenzüberschreitung. Die mediale Reaktion folgt diesem Pfad fast zwangsläufig. Sie macht aus der Aussage ein Kuriosum, aus der Person ein Problem und aus dem Vorgang eine Episode.
Doch genau darin liegt die Entlastung. Personalisierung verschiebt den Blick. Sie richtet ihn auf das Auffällige, das Abseitige, das scheinbar Individuelle – und verdeckt dabei den Ermöglichungsraum, in dem solche Sätze nicht nur geäußert, sondern verstanden, weitergetragen und ökonomisch flankiert werden können. Die eigentliche Irritation liegt nicht im Gesagten, sondern darin, dass es Anschluss findet. Dass es Investitionen nach sich zieht, strategische Überlegungen aktiviert und politische Gegenwehr erstaunlich zögerlich bleibt.
Wer sich an der Person abarbeitet, muss diese Fragen nicht stellen. Die Ordnung, in der territoriale Zugriffe wieder als legitime Option erscheinen, bleibt unsichtbar. Sie wird nicht bestritten, sondern schlicht nicht thematisiert. Die Grenzüberschreitung wirkt individuell, nicht strukturell. Damit verliert sie ihren systemischen Charakter.
In diesem Sinne ist Personalisierung kein analytischer Fehler, sondern eine soziale Funktion. Sie hilft, Komplexität zu reduzieren, Verantwortung zu lokalisieren und Unbehagen zu kanalisieren. Vor allem aber schützt sie bestehende Strukturen vor Kritik. Indem Macht psychologisiert wird, bleibt ihre organisationale und ökonomische Form unangetastet. Man empört sich über Stil, Tonfall oder Charakter – und übersieht die Prozesse, die solchen Stil erst möglich machen.
Solange wir über Personen reden, bleibt die Frage nach den Prozessen vertagt. Solange das Problem ein Mensch ist, muss die Ordnung nicht infrage gestellt werden, die ihn trägt. Personalisierung ist damit weniger ein Missverständnis als eine stille Übereinkunft: Wir einigen uns darauf, das Auffällige zu kritisieren – und das Ermöglichende zu übersehen.
Erst dort, wo diese Entlastung verweigert wird, verschiebt sich der Blick. Weg von der Figur, hin zur Struktur. Weg vom Skandal, hin zur Frage, welche Ordnung ein solches Sprechen nicht nur erlaubt, sondern begünstigt. Und erst dann beginnt politische Analyse, die diesen Namen verdient.
Freiheit als Erzählung, Zugriff als Praxis
Kaum ein politischer Begriff ist so anschlussfähig wie der der Freiheit. Er funktioniert über Lager hinweg, über Ideologien, über Interessen. Freiheit verspricht Bewegung, Entlastung, Zukunft. Sie lässt sich mit wirtschaftlicher Dynamik ebenso verbinden wie mit technologischer Innovation oder staatlichem Rückbau. Wer Freiheit sagt, kann vieles meinen – und genau darin liegt ihre Wirkmacht.
In dieser Erzählung erscheint Regulierung als Störung. Sie verlangsamt, verkompliziert, bindet Ressourcen. Demokratische Verfahren gelten als notwendig, aber lästig. Sie verzögern Entscheidungen, verdünnen Verantwortung und machen Ergebnisse unberechenbar. Kollektive Entscheidungsräume werden so nicht offen kritisiert, sondern still delegitimiert: als ineffizient, nicht mehr zeitgemäß, hinderlich im globalen Wettbewerb.
Doch während Freiheit rhetorisch aufgewertet wird, verschiebt sich ihre praktische Bedeutung. Sie meint immer seltener gemeinsame Selbstbestimmung, also die Fähigkeit, über die eigenen Bedingungen kollektiv zu entscheiden. Stattdessen bezeichnet sie die Abwesenheit von Widerständen für bestimmte Akteure. Freiheit wird zur operativen Kategorie: Wer handeln will, soll nicht aufgehalten werden. Wer investieren kann, soll nicht warten müssen. Wer über Ressourcen verfügt, soll sie nutzen dürfen.
Aus dieser Logik entstehen Räume, in denen Regeln nicht aufgehoben, sondern selektiv ausgesetzt werden. Sonderzonen, Ausnahmegenehmigungen, regulatorische Experimente. Zuständigkeiten werden verunklart, Entscheidungswege verkürzt, öffentliche Kontrolle minimiert. Freiheit fungiert dabei als semantische Hülle, die diese Verschiebung legitimiert. Unter ihrem Schutz wird Zugriff organisiert – leise, technisch, scheinbar alternativlos.
Was dabei entsteht, ist keine Ordnungslosigkeit. Es ist eine andere Ordnung. Eine, die nicht mehr primär an demokratische Aushandlung gebunden ist, sondern an wirtschaftliche Potenz, rechtliche Gestaltungsmacht und politische Nähe. Wer über diese Ressourcen verfügt, gewinnt Handlungsspielräume. Wer sie nicht hat, bleibt betroffen – ohne gleichwertige Mitentscheidungsmöglichkeiten.
Diese Ordnung arbeitet nicht mit offenem Zwang. Sie operiert über Plausibilitäten. Über das, was als vernünftig, notwendig oder unvermeidlich gilt. Freiheit wird so nicht abgeschafft, sondern umgedeutet. Sie bleibt ein positives Wort, verliert aber ihren relationalen Kern. Aus einem gemeinsamen Gut wird ein individuelles Vorrecht. Aus einer politischen Errungenschaft ein betriebswirtschaftliches Argument.
Gerade darin liegt ihre Gefahr. Denn was als Freiheit erscheint, entzieht sich leicht der Kritik. Wer widerspricht, wirkt schnell als Fortschrittsbremse, als Besitzstandswahrer oder als Realitätsverweigerer. Der Zugriff wird nicht als solcher benannt, sondern als Befreiung. Und die Frage, wer über die Bedingungen dieser Freiheit entscheidet, verschwindet hinter der Erzählung ihres Nutzens.
Erst wenn diese Verschiebung sichtbar wird, lässt sich Freiheit wieder politisch lesen. Nicht als Schlagwort, sondern als umkämpfter Raum. Nicht als Versprechen für wenige, sondern als Zumutung für viele. Und erst dann wird deutlich, dass es hier nicht um weniger Ordnung geht, sondern um die Frage, wer sie setzt – und für wen.
Die Freiheit der Anderen
Das Entscheidende an diesem Modell ‚Grönland‘ ist nicht seine Brutalität, sondern seine strukturelle Eleganz. Diese Eleganz liegt nicht im Ergebnis, sondern in der Architektur. Sie besteht darin, dass Freiheit nicht offen entzogen, sondern asymmetrisch verteilt wird. Dass Zugriff nicht als Zwang erscheint, sondern als legitime Nutzung von Möglichkeiten. Dass Macht nicht bricht, sondern nutzt.
Die Brutalität ist real – sie zeigt sich im Vollzug. In Razzien, Abschiebungen, gewaltsamen Zugriffen, in der bewussten Erzeugung von Angst und Unsicherheit. Das Vorgehen von ICE-Bundesbeamten unter politischem Schutz ist in diesem Sinne brutal zu nennen, ohne Einschränkung. Menschen werden aus ihrem Alltag gerissen, Familien getrennt, Existenzen zerstört. Diese Gewalt ist körperlich, sozial und existenziell.
Doch sie ist nicht der Kern des Modells. Sie ist seine Konsequenz.
Die strukturelle Logik arbeitet leiser. Sie verlagert Risiken, Kosten und Zumutungen dorthin, wo sie politisch weniger zählen. An geografische Ränder, an soziale Peripherien, an rechtlich prekäre Gruppen. Freiheit realisiert sich dort, wo ihre Folgen andere tragen. Die Freiheit zu handeln, zu investieren, durchzugreifen wächst auf Kosten jener, deren Handlungsspielräume schrumpfen.
Im Fall Grönlands wird diese Logik auf geopolitischer Ebene sichtbar. Auf der einen Seite steht die Freiheit zu investieren, zu extrahieren, zu experimentieren – legitimiert als strategische Vorsorge, wirtschaftliche Entwicklung oder sicherheitspolitische Notwendigkeit. Auf der anderen Seite steht die Freiheit, über eigenes Land, eigene Ressourcen und die eigene Zukunft zu entscheiden. Diese Freiheit ist formell anerkannt, politisch verbrieft, völkerrechtlich abgesichert – und dennoch strukturell unterlegen.
Denn sie konkurriert nicht mit gleichwertigen Optionen, sondern mit Kapital, geopolitischem Druck und militärischer Absicherung. Was als Verhandlung erscheint, ist faktisch ein Kräfteverhältnis. Die Entscheidung liegt nicht zwischen Alternativen, sondern zwischen Anpassung und Marginalisierung.
Diese Asymmetrie ist kein Betriebsunfall. Sie ist Voraussetzung des Modells. Es funktioniert nur, solange jene, deren Freiheit betroffen ist, keinen wirksamen Zugriff auf die entscheidenden Entscheidungsräume haben. Freiheit wird nicht verweigert, sondern selektiv wirksam gemacht. Sie verletzt keine Regeln – sie nutzt sie. Sie operiert innerhalb bestehender Ordnungen, indem sie deren Spielräume systematisch ausreizt.
Gerade hier zeigt sich die Nähe zu politischen Projekten wie Project 2025. Sie zielen nicht auf den offenen Bruch mit Recht oder Demokratie, sondern auf die Schwächung jener institutionellen Gegenkräfte, die Zugriff begrenzen könnten. Verfahren bleiben formal bestehen, verlieren aber ihre korrigierende Wirkung. Regulierung wird nicht aufgehoben, sondern dort entkernt, wo sie Handlungsfreiheit als Zugriff bremst.
Die Folge ist eine stille Umverteilung von Freiheit. Handlungsfreiheit wächst dort, wo Kontrolle schwindet. Entscheidungsräume verengen sich für jene, die betroffen sind, ohne über vergleichbare Mittel zu verfügen. Die Freiheit der einen dehnt sich aus, weil die Freiheit der anderen institutionell geschwächt wird – regelkonform, schwer angreifbar und politisch anschlussfähig.
In diesem Sinne ist Freiheit kein absoluter Zustand. Sie ist relational. Sie entsteht im Verhältnis von Handlungsmöglichkeiten – und sie wächst dort, wo Alternativen unsichtbar gemacht werden. Die Brutalität des Vollzugs ist sichtbar. Die Eleganz der Struktur besteht darin, dass sie diese Brutalität ermöglicht, ohne selbst brutal erscheinen zu müssen.
Erst wenn diese Doppelstruktur benannt wird, verliert das Modell seine Selbstverständlichkeit. Nicht weil Freiheit infrage gestellt würde, sondern weil sie wieder politisch gelesen werden muss: als Freiheit für wen, auf wessen Kosten – und unter welchen institutionellen Bedingungen.
Dialog als Kulisse
In solchen Konstellationen kommt dem Dialog eine eigentümlich doppelte Rolle zu. Er verschwindet nicht – im Gegenteil. Beteiligungsformate, Konsultationen, Anhörungen und Gesprächsangebote nehmen zu. Sie werden professionell vorbereitet, kommunikativ begleitet, oft sogar als Beleg demokratischer Offenheit inszeniert. Dialog wird sichtbar – und gerade darin liegt seine Ambivalenz.
Denn wo strukturelle Gegenmacht fehlt, verändert Sichtbarkeit nichts. Der Dialog erzeugt den Eindruck von Einbindung, ohne reale Alternativen zu eröffnen. Er signalisiert Offenheit, während die Richtung längst feststeht. Was als Gespräch erscheint, ist in Wahrheit ein Nachvollzug. Man spricht, nachdem entschieden wurde – oder dort, wo das Gesagte keine entscheidende Wirkung mehr entfalten kann.
Dialog wird so vom Ort der Aushandlung zur Bühne der Legitimation. Dissens darf artikuliert werden, solange er folgenlos bleibt. Kritik wird angehört, protokolliert, eingeordnet – und anschließend neutralisiert. Beiträge verschwinden nicht, sie versanden. Das Gespräch wirkt beruhigend, nicht weil es klärt, sondern weil es den Eindruck vermittelt, beteiligt zu sein.
Gerade diese Form des Dialogs ist politisch wirksam. Sie ersetzt offene Durchsetzung durch kommunikative Einbindung. Sie entschärft Widerstand, ohne ihm Substanz zuzugestehen. Wo Entscheidungen nicht mehr infrage gestellt werden können, wird das Gespräch zur letzten verbleibenden Geste der Teilhabe. Es schafft Nähe – und verdeckt Distanz.
Das Problem ist dabei nicht mangelnde Gesprächsbereitschaft. Es fehlt nicht an Worten, nicht an Formaten, nicht an Einladungen. Was fehlt, sind die Bedingungen, unter denen Kommunikation Entscheidungsrelevanz entfalten kann. Dialog lebt nicht davon, dass gesprochen wird, sondern davon, dass das Gesagte Folgen haben könnte. Wo diese Möglichkeit strukturell ausgeschlossen ist, verliert Dialog seinen politischen Gehalt.
Entscheidend ist dabei nicht, ob Vorhaben tatsächlich gestoppt oder verändert werden. Entscheidend ist, ob dies möglich wäre. Ob es Verfahren gibt, die Verzögerung erlauben. Ob Alternativen realistisch geprüft werden. Ob Nein-Sagen einen Platz hat, der nicht sanktioniert wird. Wo all dies fehlt, ist Dialog nicht falsch – aber folgenlos.
In solchen Räumen wird Kommunikation zur Kulisse. Sie begleitet den Zugriff, statt ihn zu irritieren. Sie erzeugt Zustimmung, wo eigentlich Entscheidungsmacht verhandelt werden müsste. Und sie stabilisiert genau jene Asymmetrien, die sie vermeintlich moderiert.
Damit kippt der Sinn von Dialog. Er dient nicht mehr der gemeinsamen Klärung unter Unsicherheit, sondern der Absicherung von Entscheidungen unter asymmetrischen Bedingungen. Er wird nicht zum Ort politischer Freiheit, sondern zu ihrem Ersatz. Beteiligung ersetzt Gegenmacht. Gespräch ersetzt Entscheidungsspielraum.
Erst dort, wo Dialog auf Strukturen trifft, die Alternativen offenhalten, gewinnt er seine eigentliche Funktion zurück. Nicht als Harmonisierungsinstrument, sondern als Ort der Irritation. Nicht als Beruhigung, sondern als Möglichkeit, Richtung zu verändern. Ohne diese strukturelle Rückbindung bleibt Dialog sichtbar – und zugleich leer.
Und vielleicht ist genau das die beunruhigendste Einsicht:
Dass Dialog nicht dort scheitert, wo er verweigert wird, sondern dort, wo er angeboten wird, ohne etwas verändern zu dürfen.
Gegenmacht ist keine Haltung
An dieser Stelle greifen moralische Kategorien zu kurz. Empörung mag entlasten, sie verändert jedoch keine Struktur. Appelle an Verantwortung, Anstand oder Einsicht bleiben wirkungslos, solange sie nicht an Bedingungen gebunden sind, unter denen anderes Handeln möglich wird. Wer Gegenmacht auf Gesinnung reduziert, verwechselt Kritik mit Wirksamkeit.
Gegenmacht entsteht nicht aus guter Haltung. Sie entsteht aus Architektur. Aus Verfahren, Zuständigkeiten, Rechten und Zeitstrukturen, die Alternativen nicht nur denkbar, sondern real machen. Sie wirkt dort, wo Entscheidungen nicht endgültig erscheinen, wo Vorhaben angehalten, überprüft oder umgelenkt werden können, ohne dass dies als Störung oder Illoyalität gilt.
In diesem Sinne ist Gegenmacht nicht Blockade. Sie ist kein permanentes Nein, kein reflexhafter Widerstand. Sie besteht darin, dass Nein-Sagen möglich ist. Dass es Orte gibt, an denen Einwände Gewicht haben. Dass Verzögerung nicht als Sabotage, sondern als legitimer Bestandteil von Entscheidungsprozessen verstanden wird. Gegenmacht schützt nicht vor Entscheidungen – sie schützt die Möglichkeit, Entscheidungen zu korrigieren.
Entscheidend ist dabei nicht, ob Alternativen sich durchsetzen. Entscheidend ist, dass sie sichtbar bleiben. Dass sie ausgesprochen, geprüft und weiterverfolgt werden können, ohne den Ausschluss aus dem Prozess zu riskieren. Wo diese Möglichkeit fehlt, wird Zustimmung zur Voraussetzung von Zugehörigkeit. Kommunikation passt sich an, Differenz verstummt.
Wo Gegenmacht strukturell verankert ist, verändert sich das Kräfteverhältnis – selbst dann, wenn sie selten genutzt wird. Ihre bloße Existenz verschiebt Erwartungen. Zugriff verliert seine Selbstverständlichkeit, Entscheidungen ihre Unumkehrbarkeit. Macht muss sich erklären, statt sich vorauszusetzen. Freiheit gewinnt damit ihren politischen Charakter zurück.
Fehlt diese Verankerung, wird Freiheit zwangsläufig asymmetrisch. Sie konzentriert sich dort, wo Handlungsmacht bereits vorhanden ist, und schwindet dort, wo Betroffenheit wächst. Die Ordnung wirkt dann stabil, weil sie widerspruchsarm ist – nicht, weil sie gerecht wäre, sondern weil sie keine wirksamen Einwände mehr zulässt.
Gegenmacht ist daher kein Störfaktor. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Freiheit mehr ist als ein Vorrecht der Starken. Nicht als moralisches Ideal, sondern als prozessuale Bedingung. Erst wo Alternativen institutionell geschützt sind, kann Dialog wieder tragen. Und erst dort wird Freiheit zu etwas, das geteilt, verhandelt und verantwortet werden kann – statt stillschweigend verbraucht zu werden.
Grönland als Fall – nicht als Ausnahme
Grönland ist kein Sonderfall. Es ist ein besonders sichtbarer Fall. Sichtbar, weil die Konstellation so offen zutage liegt: territoriale Interessen, geopolitische Verschiebungen, investive Begehrlichkeiten, politische Schutzräume. Doch die Logik, die hier greifbar wird, wirkt längst an vielen anderen Orten – oft weniger spektakulär, dafür umso routinierter.
Sie zeigt sich in digitalen Infrastrukturen, die privatisiert werden, während ihre gesellschaftlichen Folgen kollektiv getragen werden. In globalen Lieferketten, deren Effizienz auf ausgelagerten Risiken beruht. In extraktiven Industrien, die unter dem Versprechen von Entwicklung operieren und ökologische wie soziale Kosten externalisieren. In Sonderwirtschaftszonen, in denen demokratische Verfahren als hinderlich gelten und Ausnahme zur Normalität wird. Überall dort, wo Aushandlung verlangsamt und Zugriff beschleunigt werden soll, greift dieselbe Prozesslogik.
Die eigentliche Irritation liegt daher nicht in der Radikalität einzelner Vorschläge. Sie liegt in ihrer Anschlussfähigkeit. Darin, dass solche Ideen nicht mehr am Rand des Sagbaren stehen, sondern als Option im Raum bleiben. Dass sie diskutiert, kalkuliert und investiv vorbereitet werden können. Dass sie nicht sofort als unzulässig markiert sind, sondern als verhandelbar gelten.
Wer das als Spinnerei abtut, verkennt die Ordnung, aus der diese Vorschläge hervorgehen. Er verwechselt den Tonfall mit der Struktur. Er hört das Provokante und übersieht das Ermöglichende. Doch gerade diese Verkennung stabilisiert das Modell. Solange die Aufmerksamkeit am Spektakulären hängen bleibt, bleibt das Gewöhnliche unangetastet.
Vielleicht liegt genau hier die Zumutung dieses Textes. Nicht darin, Empörung zu erzeugen oder Positionen zu bestätigen. Sondern darin, den Blick zu verschieben. Weg von der Frage, wer solche Ideen äußert. Hin zu der Frage, welche Ordnung sie trägt. Und warum sie unter bestimmten Bedingungen nicht nur denkbar, sondern plausibel erscheinen.
Was daraus folgt, ist keine einfache Forderung. Es ist eine Verschärfung der Aufmerksamkeit. Freiheit lässt sich nicht mehr abstrakt verteidigen. Sie muss konkret verortet werden: als Freiheit für wen, unter welchen Bedingungen und mit welchen Möglichkeiten zur Gegenwehr. Ohne diese Rückbindung wird sie zum leeren Signifikanten – und bleibt anschlussfähig für Zugriff.
Grönland ist in diesem Sinne kein fernes Szenario. Es ist ein Spiegel. Es zeigt, wie leicht Freiheit zur Ressource wird, wenn Gegenmacht fehlt, Dialog zur Kulisse gerät und Prozesse so gestaltet sind, dass Alternativen unsichtbar bleiben. Ob wir darin einen Ausnahmefall sehen oder ein Muster erkennen, ist keine Frage der Moral. Es ist eine Frage der politischen Lesefähigkeit.
Und vielleicht entscheidet sich genau hier, was von Freiheit bleibt. Nicht als Versprechen für wenige, sondern als gemeinsamer, konfliktfähiger Raum politischer Entscheidung – der nicht reibungslos funktioniert, aber Widerstand erlaubt.