Hypothesenarbeit in der Mediation

Hypothesenarbeit in der Mediation

Fragen tragen Spuren

In der Mediation wirkt manches selbstverständlich: Fragen werden gestellt, Antworten gesucht, die nächsten Schritte ergeben sich scheinbar von selbst. Und doch liegt in jeder gelungenen Frage etwas, das nicht sichtbar ist – eine unscheinbare Spur, die die Mediatorin aufnimmt. Sie fragt nicht ins Leere, sondern folgt einer Ahnung: einem Verdacht, einem Bild, einer inneren Resonanz.

Diese Spur nennen wir Hypothese. Sie ist kein Urteil, keine Diagnose, kein fertiges Wissen. Sie ist das, was uns leise zuflüstert: „Hier könnte mehr verborgen sein, als gesagt wird.“ – Eine Spur im Nebel.

Hypothese – Vermutung ohne Gewissheit

Hypothesen entstehen intrinsisch, im Inneren der Mediator:innen. Sie werden nicht ausgesprochen wie Positionen, sondern bewegen sich als stille Begleiter durch den Prozess. Eine Hypothese könnte lauten: „Die ökonomische Sorge ist in Wahrheit auch eine Sorge um Anerkennung.“ Oder: „Die Lautstärke verdeckt eine Angst, nicht gehört zu werden.“

Gerade darin liegt ihre Kraft: Hypothesen sind falsifizierbar. Sie dürfen brüchig werden, wenn die Antwort nicht passt. Sie sind Arbeitshypothesen, niemals Wahrheit. Wer mit Hypothesen arbeitet, lernt, flexibel zu denken: zu vermuten, zu prüfen, zu verwerfen – und im nächsten Atemzug eine neue Spur aufzunehmen.

So schützen Hypothesen uns davor, zu rasch zu urteilen. Und sie schützen die Mediand:innen davor, auf Diagnosen festgelegt zu werden.

Die Raute als Kompass

Die Ad_Monter Raute bietet eine Karte, auf der sich Hypothesen bewegen können. Sie zeigt vier Felder, die wir wie Koordinaten lesen:

  • Karte (c-it¹): Der Raum der Beobachtungen. Was sehen wir wirklich – Begriffe, Zuständigkeiten, offene Punkte? Hypothesen brauchen Boden, sonst schweben sie.
  • Ich (c-me): Der Raum der Resonanz. Was macht das Gesagte mit den Beteiligten? Hier entstehen kurze, unverstellte Ich-Sätze, die eine Hypothese prüfbar machen.
  • Zwischen (c-us): Der Raum der Übersetzung. Was trägt wechselseitig? Hypothesen werden hier zu Brückensätzen, die zwei Sichtweisen zugleich im Blick halten.
  • Schritt (c-it²): Der Raum der Probe. Hypothesen werden in kleine Experimente übersetzt – überprüfbar, reversibel, lernbar.

Und innerhalb dieser Karte bewegt sich der Loop: Wahrnehmen → Vermuten → Prüfen → Weitergehen. Die Felder sind der Orientierungsraum, der Loop ist die Bewegung darin.

Warum Hypothesen unverzichtbar sind

Man könnte fragen: Warum dieser Umweg? Warum nicht einfach Fragen stellen, ohne Hypothesen im Hintergrund? Die Antwort ist schlicht: Ohne Hypothese treiben Fragen ins Beliebige. Sie öffnen Räume, aber ohne Richtung, ohne Prüfspur.

Mit Hypothese dagegen werden Fragen präzise: Sie sind Resonanztests. Sie erkunden, ob eine Annahme trägt, ob sie sich in Sprache verwandeln lässt, ob sie in einem nächsten Schritt erprobt werden kann.

Hypothesen sind also der innere Resonanzboden guter Fragen. Sie geben Richtung, ohne festzulegen. Sie lenken, ohne zu zwingen.

Hypothesenarbeit als Haltung

Hypothesenarbeit bedeutet nicht, den Mediationsprozess mit Annahmen zu überfrachten. Es bedeutet, mit offenen Händen zu denken: Vermutungen nicht als Besitz, sondern als Leihgabe zu behandeln. Sie dürfen zerbrechen, sobald ein Gegenzeichen auftaucht. Sie dürfen wachsen, wenn Resonanz sie trägt.

In dieser Haltung verbinden sich zwei scheinbar widersprüchliche Qualitäten: Leichtigkeit und Verantwortung. Leichtigkeit, weil Hypothesen uns erlauben, tastend zu gehen, ohne Endgültigkeit. Verantwortung, weil wir damit aufhören, Fragen wie Pfeile ins Blaue zu schießen. Jede Frage ist getragen von einer inneren Annahme – und wir wissen, dass wir für diese Annahme einstehen müssen.

Conclusio – Trittsteine im Nebel

Mediation ist selten ein klarer Pfad. Meist gleicht sie dem Gang über unsicheres Gelände: Nebel, unebenes Terrain, Stimmen, die sich überlagern. Hypothesen sind in diesem Bild wie Trittsteine. Sie tragen uns ein Stück – manchmal nur wenige Schritte, bis ein neuer Stein sichtbar wird.

Sie sind nicht das Ziel. Aber sie machen den Weg gangbar. Und so gilt: Fragen ohne Hypothese sind Landkarten ohne Ziel. Mit Hypothese jedoch entsteht Richtung – eine Spur, die den Beteiligten ermöglicht, neue Räume zu öffnen.