Mediator als Raum
Prolog
Mediation wird meist als Verfahren beschrieben.
Als Abfolge von Phasen.
Als Sammlung von Interventionen.
Doch bevor irgendetwas davon greifen kann, geschieht etwas anderes – oder es geschieht nichts:
Es entsteht ein Raum.
Nicht der äußere.
Sondern jener, in dem Menschen anders sprechen können, als sie es gewohnt sind.
Was aber ist das für ein Raum?
Raum als Erfahrung, nicht als Objekt
Was dieser Raum sein könnte, wird greifbar in Norbert Trawögers Text zu Josef Bauers Werk Bruckner und sein Raum: kein Raum, der sich festhalten ließe. Es geht nicht um einen Ort, nicht um ein Werk im klassischen Sinn, nicht um eine sichtbare Grenze. Der Raum, der sich hier öffnet, ist einer, der erst entsteht, wenn man sich ihm aussetzt. Er zeigt sich nicht als Objekt, sondern als Erfahrung – im Blick, im Verweilen, im Dazwischen.
Entscheidend ist dabei nicht das Kunstwerk als solches, sondern das, was zwischen Werk und Betrachtendem geschieht. Der Raum ist nicht vorhanden, bevor jemand ihn betritt. Er ereignet sich im Akt des Sehens, im Aushalten von Leere, im Offenbleiben gegenüber dem, was sich nicht sofort erschließt. Wer diesen Raum betritt, bleibt nicht unberührt. Er wird Teil dessen, was sich dort vollzieht.
Diese Weise, Raum zu denken, lässt sich aus der Kunst herauslösen. Sie verweist auf ein Prinzip, das auch jenseits ästhetischer Erfahrung wirksam ist: Manche Räume können nicht eingerichtet, nicht benannt und nicht abgesichert werden. Und doch entscheiden sie darüber, ob etwas in Bewegung kommt oder erstarrt.
Auch die Mediation kennt einen solchen Raum. Er ist nicht identisch mit dem Sitzkreis, nicht mit dem Setting, nicht mit der Abfolge von Phasen oder Interventionen. Er entsteht nicht durch Vereinbarung und nicht durch Methode. Er entsteht – oder bleibt aus – durch die Art der Anwesenheit dessen, der den Prozess begleitet.
Bevor gesprochen, geklärt oder verhandelt werden kann, braucht es einen Raum, der nichts erzwingt und nichts schließt. Einen Raum, der trägt, ohne zu lenken. Einen Raum, der es erlaubt, dass Möglichkeiten auftauchen, ohne sofort festgelegt zu werden. Die Frage ist nicht, wie dieser Raum gestaltet wird. Die Frage ist, unter welchen Bedingungen er überhaupt entstehen kann.
Übergang – Der Mensch als Durchgangsmedium
Ein ähnlicher Gedanke findet sich in der Musik. Herbert von Karajan beschrieb auf die Frage, worin das Dirigieren eigentlich bestehe, nicht eine Technik, nicht eine Abfolge von Gesten. Er verwies auf sich selbst – jedoch nicht im Sinne von Selbstbehauptung. Er sprach davon, eine Säule zu sein, durch die die Musik hindurchklingen könne. Entscheidend sei nicht das Dirigat, sondern die Bedingung, unter der die Töne sich ordnen, tragen und entfalten können.
Auch hier wird der Mensch nicht als Handelnder im Vordergrund sichtbar, sondern als Durchgangsmedium. Die Musik entsteht nicht durch ihn, sondern in dem Raum, den er ermöglicht. Seine Aufgabe liegt nicht darin, jeden Ton zu formen, sondern darin, sich so zu stellen, dass das Zusammenspiel hörbar wird. Wo er sich vordrängt, verengt sich der Klang. Wo er Raum wird, beginnt Musik.
Diese Perspektive verschiebt den Blick von der Handlung auf die Haltung. Sie macht verständlich, warum Präsenz nicht mit Aktivität zu verwechseln ist und Wirksamkeit nicht mit Eingriff. Der Dirigent ist nicht der Ursprung der Musik. Er ist die Bedingung, unter der sie sich ereignen kann.
Damit schließt sich der Gedanke an den zuvor beschriebenen Raum der Kunst an. Ob im Blick auf ein Werk oder im Hören eines Orchesters – entscheidend ist nicht das Objekt, nicht die Technik, nicht das sichtbare Tun. Entscheidend ist der Raum, der sich zwischen den Beteiligten öffnet, und die Weise, in der ein Mensch diesen Raum hält, ohne ihn zu besetzen.
Was in der Musik erfahrbar wird, verweist über sie hinaus. Es beschreibt eine Form von Verantwortung, die nicht im Machen liegt, sondern im Ermöglichen. Eine Haltung, die sich nicht durch Steuerung ausdrückt, sondern durch Durchlässigkeit. Und damit einen Zugang, der auch für die Mediation grundlegend ist.
Bruch mit der Mediationsroutine
Vor diesem Hintergrund wirkt das übliche Vokabular der Mediation seltsam verkürzt. Wir sprechen von Methoden, von Interventionen, von Phasenmodellen und Werkzeugen. Wir beschreiben, was der Mediator tut, wann er etwas einsetzt und wie er vorgeht. Dieses Sprechen ordnet, strukturiert und vermittelt Sicherheit. Und doch verfehlt es den Kern dessen, was zuvor als Raum erfahrbar wurde.
Denn weder der Raum der Kunst noch der Raum der Musik entsteht aus Technik allein. Technik kann ihn tragen, vertiefen, verdichten – aber sie kann ihn nicht hervorbringen. Raum entzieht sich dem Zugriff des bloßen Machens. Er entsteht nicht durch Anwendung, sondern durch die Haltung, aus der heraus angewendet wird.
Wo Technik den Raum ersetzen soll, wird er besetzt. Wo Interventionen aus Unsicherheit heraus gehäuft werden, verengt sich der Möglichkeitsraum. Doch in der Hand einer raumfähigen Person wird Technik zu etwas anderem: zu Form, zu Präzision, zu Meisterschaft. Sie strukturiert, ohne zu schließen. Sie klärt, ohne zu vereinnahmen.
Was dann entsteht, ist nicht der Gegensatz von Raum und Technik, sondern ihre stimmige Verbindung. Der Prozess ist nicht nur korrekt geführt, sondern lebendig getragen. Technik wird Ausdruck von Raum – nicht dessen Ersatz.
In vielen Beschreibungen von Mediation zeigt sich die Annahme, Raum ließe sich herstellen: durch Fragen, durch Spiegelungen, durch Reframing, durch die richtige Sequenz. Diese Annahme ist nachvollziehbar, aber sie verschiebt den Fokus. Sie macht den Mediator zum Akteur und den Raum zum Nebenprodukt seines Handelns. Genau hier liegt die begriffliche Schieflage.
Wenn Raum eine Erfahrung ist, kein Objekt, dann kann er nicht produziert werden. Er entsteht nicht durch Anwendung, sondern durch Anwesenheit. Nicht durch Eingriff, sondern durch Haltung. Technik kann diesen Raum unterstützen oder zerstören – aber sie kann ihn nicht hervorbringen.
Wo dieser Raum entsteht, berührt Mediation die Autopoiesis sozialer Systeme. Sie verändert nicht das System von außen. Sie verändert die Bedingungen, unter denen es sich selbst neu ordnen kann.
Der Dirigent, der sich als Säule versteht, dirigiert nicht weniger. Aber sein Tun ist nicht Ursprung, sondern Folge eines inneren Zurücktretens. Ebenso ist der Mediator wirksam, nicht weil er interveniert, sondern weil er es lassen kann. Weil er den Impuls aushält, etwas zu tun, wo Offenheit gefordert ist. Weil er Raum hält, statt ihn zu füllen.
In diesem Sinn ist Mediation kein Verfahren, das Raum nutzt. Sie ist ein Prozess, der davon abhängt, ob jemand bereit ist, selbst zum Raum zu werden. Technik ist nicht falsch, aber nachgeordnet. Sie erhält ihren Sinn erst aus dem Raum, den sie nicht ersetzen kann.
Mediation als Raumereignis
Der Mediator als haltende Säule
Wenn Mediation nicht als Abfolge von Interventionen verstanden wird, sondern als Raumereignis, verschiebt sich das professionelle Selbstverständnis grundlegend. Der Fokus liegt dann nicht mehr auf Steuerung, sondern auf Haltung. Nicht auf Kontrolle des Prozesses, sondern auf der Bedingung, unter der sich etwas ereignen kann.
In dieser Perspektive ist der Mediator weder neutraler Beobachter noch unsichtbarer Regisseur. Er ist präsent – aber nicht besetzend. Er hält den Raum, ohne ihn zu dirigieren. Seine Wirksamkeit liegt nicht im Bestimmen der Bewegung, sondern im Standhalten. Wie eine Säule trägt er das Gewicht des Prozesses, ohne dessen Verlauf vorzugeben.
Dieser Raum ist nicht leer. Er ist gespannt. In ihm dürfen Widersprüche nebeneinander bestehen, ohne sofort aufgelöst zu werden. Unfertiges darf ausgesprochen werden, ohne sogleich in Positionen zu gerinnen. Emotionen dürfen erscheinen, ohne instrumentalisiert zu werden. Der Mediator hält diese Spannung aus, ohne sie vorschnell zu entladen. Gerade darin wird der Raum tragfähig.
Im Ad_Monter-Denken ist dieser Raum kein zusätzliches Element, sondern die Voraussetzung aller weiteren Schritte. Bevor geklärt, dialogisiert oder gestaltet werden kann, braucht es einen Ort, an dem Selbstklärung möglich wird – nicht als innerer Monolog, sondern als Resonanzereignis. Der Mediator stellt diesen Ort nicht her. Er verkörpert ihn.
Das verlangt eine Form von Präsenz, die sich nicht über Aktivität legitimiert. Sie zeigt sich im Verzicht auf vorschnelle Ordnung, im Aushalten von Mehrdeutigkeit, im Vertrauen darauf, dass sich Sinn nicht erzwingen lässt. Der Mediator wird so zur haltenden Instanz eines Prozesses, dessen Richtung er nicht kennt und dessen Ergebnis er nicht vorgibt.
Wo Steuerung vorschnell zur Festlegung wird, kann sie den Raum schließen, bevor er seine Wirkung entfalten konnte. Haltung hingegen hält ihn offen – nicht unbegrenzt, aber verlässlich.
In dieser Verlässlichkeit liegt die eigentliche Autorität des Mediators. Sie speist sich nicht primär aus Technik oder Wissen, sondern aus der Fähigkeit, Raum zu bleiben, auch dann, wenn es unruhig wird.
Steuerung behält in diesem Verständnis ihren Platz – doch sie folgt dem Raum, statt ihn zu ersetzen.
Was kann geschehen, wenn der Mediator Raum wird?
Die entscheidende Frage der Mediation ist nicht, was der Mediator tut. Diese Frage führt zu Methoden, zu Kompetenzen, zu richtigem oder falschem Handeln. Sie hält den Blick auf das Sichtbare gerichtet und übersieht dabei, was sich nur im Vollzug zeigt.
Die andere Frage ist leiser und anspruchsvoller: Was kann geschehen, wenn der Mediator Raum wird? Wenn er nicht vorgibt, sondern trägt. Wenn er sich nicht zwischen die Beteiligten stellt, sondern das Dazwischen offenhält. Wenn er nicht antwortet, wo noch gehört werden muss.
In einem solchen Raum müssen Lösungen nicht erzwungen werden. Sie tauchen auf, weil etwas in Bewegung gekommen ist. Worte verändern ihren Klang, weil sie nicht sofort verteidigt werden müssen. Verantwortung kann entstehen, weil niemand sie vorgibt. Der Prozess gewinnt Tiefe, ohne an Klarheit zu verlieren.
Dieser Raum ist kein Versprechen. Er garantiert keinen Konsens und keine Harmonie. Aber er eröffnet die Möglichkeit, dass Menschen einander anders begegnen als zuvor – und sich selbst dabei nicht verlieren. Das ist keine Technik. Es ist eine Haltung. Und es ist eine Zumutung.
Darin liegt die eigentliche Professionalität der Mediation: nicht im Tun, sondern im Raumlassen. Nicht im Eingreifen, sondern im Durchlässigwerden. Nicht im Wissen, was richtig ist, sondern im Aushalten dessen, was noch nicht entschieden ist.
Was dann geschieht, entzieht sich der Kontrolle. Aber es geschieht nicht zufällig. Es geschieht, weil jemand bereit war, Raum zu sein.
Raum zu halten bedeutet nicht, ihn zu besitzen. Der Prozess gehört nicht dem Mediator. Er entsteht aus der Dynamik der Beteiligten selbst. Der Mediator stellt sich zur Verfügung – nicht als Ursprung, sondern als tragende Bedingung. Seine Autorität liegt nicht im Zugriff, sondern im Dienst am Geschehen.
Mediation beginnt dort, wo jemand zurücktritt –
und als Raum bleibt.