Objektive Kriterien in der Mediation
Wenn Fakten Halt geben
Manchmal genügt ein unscheinbarer Satz, und die Dynamik eines Gesprächs verändert sich. Stimmen reden durcheinander, Argumente prallen gegeneinander, das Vertrauen ist fragil – bis jemand innehält und sagt: „Aber dieses Datum, das stimmt doch, oder?“ Ein Nicken, ein leises Einverständnis. Plötzlich beruhigt sich der Raum. Ein Stein liegt im Fluss, an dem sich das Wasser ordnet.
So beginnen objektive Kriterien zu wirken. Sie sind nicht die ganze Wahrheit, sie sind auch nicht unerschütterlich. Aber sie geben Halt, wenn alles in Bewegung ist. In der Mediation werden sie zu Fixpunkten, an denen sich das Gespräch spannen kann wie ein Zelt an seinen Pflöcken.
Schichten der Objektivität
Objektivität ist kein monolithischer Block, sondern ein Geflecht aus verschiedenen Ebenen.
Da gibt es die formale Objektivität: Gesetze, Verträge, Urkunden. Sie bilden die äußere Grenze des Raumes, innerhalb dessen überhaupt verhandelt werden kann. Niemand kann sie ignorieren, auch wenn man sie interpretieren mag.
Daneben steht die externe Objektivität: Gutachten, Expertisen, Marktwerte. Sie kommen von außen, bringen Autorität mit, sind nie ganz neutral, aber doch ein Angebot, Orientierung zu finden.
Und schließlich die prozessuale Objektivität: das, was die Parteien im Verlauf selbst außer Streit stellen. Eine Zahl, ein Datum, ein Dokument – manchmal klein, manchmal groß –, das zum anerkannten Fixpunkt wird.
Objektivität in der Mediation bedeutet nicht: eine ewige Wahrheit gefunden zu haben. Sie bedeutet: ein gemeinsames Anerkennen dessen, was nicht länger strittig sein soll.
Die Ad_Monter Raute – Halt im Spannungsfeld
Im Ad_Monter Meta Modell wird diese Bewegung besonders sichtbar zwischen c-it¹ und c-it².
In c-it¹ liegt der Raum der Fakten, der Sprache, des Streitgegenstands. Hier werden Dokumente auf den Tisch gelegt, Zahlen geprüft, Begriffe sortiert. Objektive Kriterien erscheinen hier als das, was Orientierung schafft.
In c-it² öffnet sich der Raum der Gestaltung. Vereinbarungen entstehen, Zukunft wird entworfen, Neues wird verabredet. Doch diese Architektur braucht ein Fundament. Ohne Fixpunkte aus c-it¹ wären die Vereinbarungen von c-it² ein Sprung ins Leere.
Die Brücke zwischen den beiden Feldern sind die objektiven Kriterien: Sie überspannen das Tal, das sonst unüberwindbar wäre.
Das Innere befragen – c-me
Doch ein Gutachten auf dem Tisch, eine Vertragsklausel in klaren Worten – das allein genügt nicht. Die Beteiligten müssen innerlich prüfen, ob sie bereit sind, das „Objektive“ auch wirklich anzunehmen.
Im Feld c-me geschieht diese Selbstklärung. Hier tauchen Fragen auf: Kann ich diesem Gutachten trauen? Bin ich bereit, diesen Vertrag so zu akzeptieren, auch wenn er mich benachteiligt? Was löst es in mir aus, dass eine Zahl, ein Faktum, eine Norm meine Sicht der Dinge überlagert?
Objektivität verlangt innere Resonanz. Sie wird erst dann zum Fixpunkt, wenn sie nicht nur äußerlich aufscheint, sondern auch innerlich tragbar wird.
Beziehung als Resonanzraum – c-us
Und ebenso gilt: Objektivität entsteht nicht im Alleingang. Sie wird erst wirksam, wenn sie von allen anerkannt wird.
Im Feld c-us ereignet sich dieses gemeinsame Nicken. Zwei Parteien, die in vielem uneins sind, sagen doch: „Ja, dieses Datum stimmt. Ja, diese Zahl akzeptieren wir.“
Objektive Kriterien gewinnen ihre Kraft nicht aus sich selbst, sondern aus dem Anerkennen durch die Beteiligten. c-us ist der Resonanzraum, in dem das, was zunächst nur Faktum war, zum gemeinsamen Bezugspunkt wird.
Fixpunkte in der Praxis
Unternehmensnachfolge
Eine Schwester soll abgefunden werden, die Bewertung des Unternehmens liegt als Gutachten vor. Zunächst heftig umstritten, später – nach innerer Prüfung (c-me) und gegenseitiger Anerkennung (c-us) – zum akzeptierten Fundament (c-it¹). Auf dieser Basis gelingt es, neue Auszahlungsmodalitäten zu gestalten (c-it²).
Privatstiftung
Begünstigte pochen auf Fairness, der Stiftungsvorstand verweist auf Gesetz und Urkunde. Das Recht wirkt hier als unerschütterlicher Fixpunkt – doch die Akzeptanz muss innerlich erarbeitet werden (c-me), und die Beziehung zwischen Vorstand und Begünstigten entscheidet, ob das Recht als legitim anerkannt wird (c-us). Erst dann kann auf dieser Grundlage weitergestaltet werden.
Innerbetriebliche Mediation
Management und Betriebsrat debattieren über Zahlenberichte. Sie scheinen objektiv, doch werden unterschiedlich gelesen. Erst als beide Seiten sich einigen, dass diese Berichte als Basis gelten dürfen, entsteht Halt. Nicht, weil die Zahlen an sich unbestreitbar wären, sondern weil das Vertrauen, auf sie zu bauen, gemeinsam wächst.
Das Paradox der Fixpunkte
Objektive Kriterien sind keine Endpunkte, sondern Übergänge. Sie sind Halt im Wandel. Gerade weil nicht alles verhandelbar ist, kann das Verhandelbare in Bewegung kommen.
Ein Zelt steht nur, wenn Pflöcke gesetzt sind. Doch das Leben im Zelt bleibt beweglich.
In der Mediation gilt: Objektivität ist nicht das Ziel, sondern die Bedingung dafür, dass Bewegung gelingt.
Sternbilder im Wandel
Am Himmel der Mediation leuchten objektive Kriterien wie Sterne. Sie geben Orientierung, sie zeigen Richtung, ohne den Weg festzuschreiben.
Im A_MMM verbinden sich diese Sterne mit den vier Feldern der Raute:
- c-it¹ bringt zunächst die Klarheit der Fakten und ordnet, was außer Streit gestellt werden kann.
- c-me prüft dazu das innere Vertrauen – ob ein vermeintlich objektives Kriterium im eigenen Erleben Halt findet.
- c-us verwandelt diese Klärung in gemeinsames Anerkennen – ein Nicken zwischen den Beteiligten, das Resonanz schafft.
- c-it² öffnet schließlich den Raum der Gestaltung, in dem Vereinbarungen entstehen, die tragen.
So vollzieht sich der Durchlauf durch die Matrix: vom Äußeren zum Inneren, vom Individuellen zum Gemeinsamen, vom Feststellen zum Gestalten. Objektive Kriterien sind in diesem Fluss nicht bloße Endpunkte, sondern Resonanzpunkte, die den Übergang ermöglichen – kleine Sterne, die sich zu einem Sternbild fügen und Orientierung schenken, während das Gespräch sich wandelt.
Conclusio
Objektive Kriterien sind keine fertigen Wahrheiten, sondern Fixpunkte im Wandel. Sie entfalten ihre Kraft erst im Durchlauf der Raute:
- In c-it¹ werden sie als Fakten erörtert und geklärt.
- In c-me wird geprüft, ob sie innerlich tragbar sind.
- In c-us verwandeln sie sich in gemeinsames Anerkennen.
- In c-it² werden sie zum Fundament neuer Gestaltung.
So zeigt sich: Objektivität geschieht nicht von selbst, sie wird Schritt für Schritt gewonnen. Sie ist kein stiller Stein, der einfach daliegt, sondern ein Sternbild, das nur sichtbar wird, wenn man den Blick hebt und die Punkte miteinander verbindet.
Objektive Kriterien sind Fixpunkte im Wandel – sie tragen nur, wenn sie im Inneren geprüft, im Streit geklärt, im Miteinander anerkannt und in der Zukunft fruchtbar gemacht werden.
Coda – Am Ultimo des Sommers
Es ist der letzte Sonntag im August. Der Sommer tritt leise zurück, der Herbst steht schon in der Tür. Auch die Zeit kennt ihre Fixpunkte – den wiederkehrenden Rhythmus der Jahreszeiten, den Abschied und das Beginnen.
So wie objektive Kriterien in der Mediation Halt geben, schenken uns diese Übergänge Orientierung: ein Wissen darum, dass Wandel nie Haltlosigkeit bedeutet, sondern getragen ist von kleinen Sternen, die uns den Weg zeigen.
Vielleicht ist es genau dieser Wechsel, der uns erinnert: Halt und Bewegung gehören zusammen.